The Taleteller´s Web | Teil 1
Dies ist der 1. Teil der Serie "The Taleteller´s Web" | Teil 2 | Teil 3 |
Das Social Web ist die neue Heimat der Geschichtenerzähler und 2011 wird ihr Jahr
Es war einmal vor langer Zeit...
Als ich 6 oder 7 Jahre alt war, nahmen mich meine Eltern mit auf eine Kinderbuch-Ausstellung. Damals entdeckte ich, dass es eine Welt der unendlichen Fantasie gibt, die man einfach mit einem (Buch-) Deckel öffnen kann. Alleine diese Erkenntnis hätte diesen Tag unvergesslich gemacht, wenn da nicht noch diese beiden Erwachsenen gewesen wären, die in einem abgedunkelten Raum in einem Lichtkegel saßen. Leise Musik klang aus dem Raum und ich ging neugierig, aber auch etwas besorgt hinein.
Nach über einer Stunde fanden mich meine Eltern wieder. Sie hatten die ganze Ausstellung nach mir abgesucht. Letztendlich fanden Sie mich auf dem Boden sitzend, meinen Kopf auf die Hände gestützt und mit offenen Mund den beiden Erwachsenen lauschend, die für mich und die anderen Kinder den Raum in ein Wunderland verwandelt hatten.
Um sie herum war ein undurchschaubares Sammelsurium an Gerätschaften. Instrumente, Hölzer, Kästchen, Kokosnussschalen, Taschenlampen, Bleche und viele Dinge, die ich nicht kannte, lagen in Griffweite bereit.
Einer der beiden begann eine Geschichte zu erzählen. Begleitet wurde er von seinem Kollegen, der mit den bereit liegenden Gegenständen eine Klangkulisse erschuf, die dem Rhythmus und der Dynamik der Geschichte und der Sprache angepasst war, sie untermalte und verstärkte. Dieses Zusammenspiel bewirkte bei uns kleinen Zuhörern eine Trance. Es bewirkte auch einen Sog, dem sich keiner entziehen konnte. Immer wieder wurden wir Zuhörer in das Weben der Geschichte einbezogen. Wir durften Geräusche machen, Fragen stellen, ja sogar Einfluss auf die Geschichte nehmen.
Als die Geschichte vorüber war, saßen wir staunend und begeistert vor diesen beiden Zauberern und keiner verließ den Raum.
So lernte ich zum ersten Mal Geschichtenerzähler kennen und lieben. Ich nervte noch tagelang meine Familie, meine Freunde und auch die Lehrer mit meinem Erlebnis und meinen Versuchen, diese Welt für sie recht erfolglos aufleben zu lassen.
Ich bin älter geworden und die Welt in der ich lebe hat sich verändert. Seit meiner Kindheit habe ich sehr vielen Geschichtenerzähler aus aller Welt gelauscht. Oft Live, aber auch – dank der sich rasant entwickelnden Medien in diesem Zeitraum – in konservierter Form. Aber keine Konserve konnte dieses Erlebnis eines leibhaftigen Geschichtenerzählers ersetzen.
Dann kam das Social Web.
Das Web der Interaktion, der Web-2.0-Tools und der vernetzten Netzwerke.
Plötzlich gibt es Möglichkeiten für Geschichtenerzähler, die den bis dahin bekannten geographischen und dramaturgischen Rahmen um neue Dimensionen erweitern.
Und plötzlich sind sie wieder gefragt, die Geschichtenerzähler.
Nur dass sie heute keine Instrumente mehr bedienen, oder aus Blechen Donner zaubern.
Heute heissen ihre Werkzeuge Youtube oder Flickr und sie unterhalten ihre Zuhörer interaktiv und multimedial in den virtuellen Räumen von Facebook, Twitter und Co.
Diese Geschichtenerzähler haben sich verändert. Gegenüber ihren Kollegen von früher (und den wenigen Künstlern dieses Fachs, die es heute zum Glück noch gibt) stehen sie wie das gedruckte zum handgeschriebenen Buch: Es ist bei weitem nicht das Kunstwerk von früher, aber viel mehr Menschen können am Inhalt teilhaben.
Das Web der Geschichten
Eine der ersten Maximen des Web-2.0-Zeitalters lautete: „Content is King!“. Bereits 2004 war das einer der Sätze, die man allerorts hören konnte, wenn man sich mit den Pionieren des Social Webs unterhielt. Was sie damit meinten, war folgendes: Nur wer über genügend Content verfügte, konnte auf Beachtung hoffen. In diesen Jahren gierte das Web nach interaktiven und multimedialen Content und die Qualität schien beinahe egal zu sein. Zu wenige Blogs gab es, zu wenig Podcasts wurden produziert. Das war zu Beginn nicht wirklich schlimm. Es gab auch kaum User, die diesen Inhalten nutzen konnten. Oder wollten.
Die Content-Lieferanten hatten mehr Spass an den technischen Spielereien, die sie mit dem RSS-Feed umsetzen konnten. Alles war Handarbeit und die Code-Könner waren die Könige, die bewundert wurden. Mit den Jahren wurde das Web 2.0 immer mehr zu einem Raum der Massen. Die „Nerds“ wurden salonfähig oder zogen sich, verbittert von der Kommerzialisierung, in ihre alten Biotope zurück.
Anwendungen wie iTunes und Garageband erlaubten es plötzlich jedem, der einen MP3-Player an- und ausschalten konnte, ohne Probleme unabhängige Audio- und Video-Produktionen zu nutzen, zu produzieren und zu veröffentlichen. Online-Angebot machten jeden, der sich etwas Zeit nahm eine Bedienungsanleitung zu lesen, zum Blogger. Einfach und kostenlos.
Das Web wurde zwischen 2006 und 2008 überschwemmt mit sogenanntem „User Generated Content“. Mit der Überschwemmung ging eine beispiellose Trivialisierung und Vulgarisierung der Web-Inhalte einher. Wollten die Nerds noch beweisen, wie clever sie mit den neuen Technologien umgingen, produzierte die breite Masse jetzt nur noch aus einem Grund: Weil sie es konnte.
Bereits im Jahr 2005 tauchte schon der erste Content einer neuen Generation auf. Erstmalig wurden die neuen Werkzeuge genutzt, um richtige Geschichten abseits der klassischen Medien zu erzählen. Man machte sich Gedanken, wie man mit welchen Medien die Menschen im Web nachhaltig für ein Event oder ein Produkt begeistern konnte. Es wurden erste Social-Media-Konzepte entwickelt und direkt in den digitalen Lebensräumen des Menschen ausgeführt.
Eines der ersten Projekte dieser Art, die ich machte, war die Produktion einer Audio- und Video-Podcast-Reihe für Nokia. Die Geschichte, die erzählt wurde, handelte von den Menschen und den Filmen der Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen. In 5 Tagen produzierten wir 50 Podcasts, die noch heute von Freunden dieses Genres gerne im Web gehört und gesehen werden.
Was diese Projekte mir zeigten, war folgendes: die Menschen hatten die sinnleeren Inhalte satt. Sie sehnten sich, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, wie einfach alles ging und keine Magie dazu nötig war, wieder nach Inhalt, der sie unterhielt und fesselte. Projekte wie die „Philharmonie 2.0“ der Duisburger Philharmoniker zeigten, dass man über lange Zeit Menschen selbst mit einem scheinbar schwierig zu vermittelnden Thema begeistern kann. Und sie zeigten, dass Kunst und Kultur einen entscheidenden Vorteil aufweisen: Sie verfügen über schier unendlichen Content und leben die Erfahrung, Menschen zu begeistern. Das wird für sie und ihre Förderer noch in naher Zukunft zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Denn die Welt des Marketing hat sich radikal geändert und 2011 wird Social Marketing – also das offene und authentische Marketing in den Social Networks – seinen Durchbruch auch bei uns in Europa erleben. Wer dann keine Geschichten zu erzählen hat, sollte zumindestens mit Leib, Seele und Geld jemanden unterstützen, der diese in Hülle und Fülle bieten kann.
Um diese Geschichten aber technisch, medial, interaktiv und dramaturgisch hochwertig zu überliefern, bedarf es eines neuen Berufsbildes.
Das Social Web und der sprunghafte Wechsel der Menschen von den klassischen Medien dorthin, bot einer neuen Gruppe von Experten ein perfekt auf sie zugeschnittenes Spielfeld.
Ich nenne sie die modernen Geschichtenerzählern des Webs, die mit den Werkzeugen des Web 2.0 und dem Wissen um die transmedialen Vernetzungen und soziologischen Zusammenhänge des Social Webs die Menschen für eine Geschichte zu begeistern wissen.
Ich nenne mich gerne selbst so. Freunde und Kunden verstehen dann meinen Beruf viel besser, als wenn ich Ihnen eine technokratisch aufgebauschte Erklärung anbiete.
---------------------
Teil 2 berichtet von den technischen und dramaturgischen Grundlagen eines Social-Web-Geschichtenerzählers und dem benötigten Fingerspitzengefühl.