Posterous theme by Cory Watilo

Nur Sender kann man orten

Nursenderkannmanorten3

Bild: Frank Tentler 

Maßnahme gegen den Verlust philharmonischer Wahrnehmung in Zeiten der modernen Medien.

Heute am 07.09.11, Schlag Null Uhr endet mein Troll-Leben.
Drei Tage war ich unterwegs, keuleschwingend und provozierend.
Drei Tage habe ich jeden, der nicht hinter seinem Account in Deckung ging, erzählt, wie befremdent ich die Entscheidung finde, das Projekt "Philharmonie 2.0" zu beenden.
Drei Tage gab ich Interviews, stand Rede und Antwort, habe jedem, der hören oder nicht hören wollte erklärt, was der Unterschied zwischen dem Ende eines Blog und dem Ende einer Social-Web-Strategie ist.
Drei Tage habe ich mein ganzes Pfund in die Waagschale geworfen, um genügend Geschütze auf das Schlachtfeld zu bringen, damit diese Fehlentscheidung wahrgenommen, verständlich erklärt und eingesehen wird.

Zu meinem Erstaunen, hat mir dieses Troll-spielen gefallen und es war nötig. Die Gegenargumente zu den Begründungen des Endes sind logisch. In so einem Fall ist es nicht schwer, eine Meinung glaubhaft und nachvollziehbar darzustellen. Aber wird sie dann auch wahrgenommen? Eher nicht und daher die "Keule".
Was mir schwer fiel, war aber die direkte Konfrontation in aller Öffentlichkeit auch mit Menschen zu führen, die ich persönlich sehr schätze oder deren Einschätzung nicht aus Borniertheit und Egoismus, sondern Unkenntnis entstand.
Oder mich meinen Kollegen, Freunden und Kunden über drei Tage hinweg in einem für Sie unbekannten aggresiven Ton zu präsentieren. Einige Anrufe, Mails und andere besorgte Nachrichten, die ich dazu erhielt, lassen durchaus darauf schliessen, dass sie sehr irritiert waren.
Dafür möchte ich an dieser Stelle schon einmal um Verzeihung bitten.
Doch dahinter steckte Methode und ab heute bin ich wieder so, wie sie mich kennen. Denn ich denke, ich habe mein Ziel erreicht.

Warum habe ich mich für dieses aggresive Vorgehen entschieden? Das Geschehene ist ein Vorfall, der mich auf zwei Ebenen berührt:
Emotional
Ganz klar: was hier kaputt gemacht wird ist nicht nur ein Leuchtturm des Kulturmarketing im "Social Web", sondern war 2008 mein Baby. Eine tolle "Göre", die den Vorstellungen ihres stolzen Vaters nach wuchs und schon nach wenigen Monaten in die Hände einer glücklichen Adoptions-Familie übergeben werden konnte. Es hat mich nicht nur unzählige Stunden Überzeugungs-, Planungs-, Umsetzungs- und Kreativarbeit gekostet. Aufzucht und Erziehung hat auch mehr als ein halbes Jahr meines Privat- und Berufsleben gefordert und ist bis heute ein "Benchmark" für Transmedia-Produktionen im "Social Web"
Ich musste erst einmal schlucken, als ich die Nachricht vom Ende der "Philharmonie 2.0" hörte.
Aber das verging.

Rational
Duisburg ist, wie viele andere Kommunen auch, pleite. Die Philharmoniker sind teuer. Aber sie haben, wie die Vergangenheit gezeigt hat, eine hohe Reputation und einen schier unermesslichen Geschichten-Schatz, wie der letzte zusammen fassende Blog-Beitrag zeigt. Als grosses Orchester könnten sie durchaus in der Lage sein, einen Teil ihrer Ausgaben selbst zu finanzieren. Wenn sie ein Marketingkonzept hätten. Das haben sie aber nicht. Sie erwirtschaften, selbst wenn sie ausverkauft sind, von ihrem 8 Mio. Euro Jahres-Etat nur ca. 300.000 Euro durch den Verkauf von Tickets. Selbst wenn sie also kein einziges Ticket verkaufen würden, würde ihnen nur unter 5% ihres jährlichen Etats fehlen.
Der Rest sind grosse Summen durch Kooperationen (die 2014 auslaufen), kleine durch Sponsoring oder zahlt die Stadt Duisburg. Soviel ich weiss (da lasse ich mich gerne korrigieren, auch bei den anderen Summen) 2 Mio. Euro. Das ist Geld, was die Stadt nicht hat und sich nur durch Einsparung an anderen Projekten leisten kann.
Dass Duisburg sich erlaubt ein hervorragendes Orchester in einer einmaligen Halle zu haben, finde ich gut.
Wirklich sehr gut und vorbildlich.
Dass eines der wenigen Duisburger Kulturangebote, dass durch ein modernes Marketing - und dazu gehört Marketing im "Social Web" vorrangig - Geld erwirtschaften kann, das aber nicht tut, ist jedoch ein Unding. 
Dass sie diese Möglichkeiten nicht nutzen UND das erste und bis heute bekannteste und nach wie vor respektierte Kulturprojekt im "Social Web" verhungern lassen, eine Unmöglichkeit. 
Aber dass hier nicht der Ansatz von Verständnis für das Überleben des Orchesters und der Duisburger Kulturszene durch ein kreatives und kluges Management gezeigt wird und die heute schon von so vielen Kulturbetrieben weltweit erfolgreich genutzten modernen Kulturmarketing-Möglichkeiten eingesetzt werden, ist in diesem Fall unglaublich. Zumal die Philharmoniker sie doch selbst 2008-2010 erfolgreich medial vorgelebt haben. 

Lieber bleibt man am Tropf, wartet auf sein Ende und steckt den Kopf in den Sand, anstatt sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Mag es Unverständnis oder Machtspielerei sein: In jedem Fall ist es unlogisch, unwirtschaftlich und unrealistisch, so zu denken. Ein modernes, überlebensfähiges A-Orchester braucht definitv ein modernes Marketing!
Je mehr es nicht am Tropf einer bereits finanziell blutleeren Stadt hängt, um so eher wird es überleben. 
Und es wäre so einfach das zu realisieren!

Was ich mit meiner "Trolligkeit" erreichen wollte, lässt sich so zusammenfassen:
Aufmerksamkeit
Hierbei geht es nicht um das Ende eines Blogs, sondern das Ende eines dringend benötigten Marketings.
Es ist schon beeindruckend, dass die Information vom Ende der "Philharmonie 2.0" im Web um einiges mehr wahrgenommen wurde, als die Vorstellung des neuen Generalmusikdirektors und dem Beginn der neuen Spielzeit zusammen!
Das würde mir an Stelle des Management und der Musiker sehr zu denken geben.
In den kommenden Tagen werden ebenso noch einige Interviews und Berichte dazu erscheinen. Überregional. Nicht nur im Regionalteil der Zeitungen.
Ihr "Social Impact" scheint selbst jetzt noch höher als bei vielen anderen A-Orchestern zu sein.

Diskussion
Mich interessierte, ob sich die digitalen Philharmoniker-Freunde überhaupt für diese Information interessieren. Das taten sie. Überwältigend in ihrem Unverständnis und ihren Hilfsangeboten. 
Dafür hier schon einmal "DANKE!"
Nach wie vor scheinen die Duisburger Philharmoniker eine hohe Reputation - unabhängig von ihren aktuellen Entscheidungen - zu besitzen.

Das ich mit meiner Vorgehensweise keine offenen Türen bei Intendant Alfred Wendel einlaufe, ist mir klar. Aber er kennt mich und weiss, dass ich sachorientiert vorgehe und mir hier als Social-Marketing-Profi und gebürtiger Duisburger einfach nur noch das Herz blutet. Hoffe ich zumindest. Denn ich suche die Diskussion mit ihm, stehe zu meinem Angebot und werde sofort als Sponsor einspringen, um "Philharmonie 2.0" professionell weiterzuführen.

Kulturdezernent Karl Janssen hat mich zu einem Gespräch eingeladen und ich bin gespannt, ob sich etwas daraus entwickelt. Ziel kann in Duisburg nur ein aktives Netzwerk sein, dass aus Kunst- und Kreativszene sich gegenseitig befruchtet. Für alles andere gibt es kein Geld.

Wir leben im Zeitalter der Netzwerke. 
Lernen wir sie analog und digital zu unserem Vorteil zu nutzen.

Den Duisburger Philharmonikern, die mich 2008 lehrten, was Musik wirklich bedeutet, wünsche ich eine erfolgreiche und genauso gut besuchte Spielzeit wie in den letzten Jahren. Schon das morgige Konzert schürt grosse Erwartungen.

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