Social Marketing und Geschäftsmodell am Beispiel der Orangelounge
Christoph Müller-Girod, der z. B. als Chefredakteur den Web-Auftritt www.dacapo-dp.de für die Duisburger Philharmoniker leitet, hat in den letzten 2 Wochen ein interessantes Experiment durchgeführt.
Christoph ist - neben seiner Tätigkeit als Social-Media-Produzent - auch ein versierter Organisator von Musik-Live-Events mit dem Schwerpunkt House- und Dubstep-Music. Ich hatte schon öfters das Vergnügen seine Veranstaltungen, die immer an recht ungewöhnlichen Orten stattfanden, besuchen zu können. Dieses Mal organisierte er gleich 2 Veranstaltungen unter einem thematischen und räumlichen Dach. Denn im Hundertmeister in Duisburg fand gestern die 1. Orangelounge statt. Im ersten Teil gab es ein Elektro Meets Klassik Konzert (Video-Ausschnitt), im zweiten eine House-Party (Video-Ausschnitt, ich hoffe der Livestream wird noch einmal in der Wiederholung zu sehen sein).
Da organisiert Christoph für die Duisburger Philharmoniker nicht nur ein recht extravagantes Konzert, er traut sich dann in einem Atemzug auch noch eine Schüppe drauf zu legen und musikalisch in eine noch weiter entfernte Ecke zu gehen.
Um das noch zu toppen, hat er dieses Mal völlig auf die sonst in dieser Szene üblichen Flyer verzichtet und voll auf Social Marketing gesetzt. Neben den Jahres- oder Monatsprogrammen der Duisburger Philharmoniker und des Hundertmeisters gab es keine weitere Papierwerbung, die irgendwo vorab verteilt wurde. Aus der Sicht der "Marketing-Realität" somit ein komplettes Selbstmordkommando.
Aber er baute in knapp 4 Wochen einen Twitter-Account auf, ebenso einen in MySpace und bei Posterous, nutzte seine eigenen Vernetzungen und die der Musikfans aus Klassik und Elektro. Ungewöhnlich hoch finde ich die Zahl der Reaktion in so kurzer Zeit. Besonders MySpace und Posterous waren für die Verbreitung sehr erfolgreich.
Christoph organisierte mit dem Web-Label www.koelnbeben.de dazu auch noch einen Livestream des gesamten Abends, der in 1A-Qualität über 5 Stunden lief. Wie gesagt, der Abend begann mit einem ausverkauften Konzert. Das ist jetzt nicht so ungewöhnlich für die Duisburger Philharmoniker, haben sie sich doch mit ihren Auftritten im Social Web bereits eine enorme Wahrnehmung für ihre Events in allen Bereichen gemacht. Sie sind ja quasi schon ein Gütesiegel geworden: hochwertig in der eigenen Musik, Förderer und Unterstützer von aussergewöhnlichen Cross-Over-Veranstaltungen.
Viele der sehr jungen BesucherInnen - auch hier funktionierte das "Shuttle Moderne Musik" um ein junges Publikum an Klassik heran zu führen - gingen nach dem Konzert und bis zum Beginn der House-Party leerte sich der Saal in dieser Stunde fast komplett. Ganz entgegen meinen eigenen Gewohnheiten scheinen die Jünger dieser Musik absolute Eulen-Typen zu sein. Nur langsam füllte sich der Saal, nachdem die DJ´s und der VJ ihre Arbeit entspannt begonnen hatten. Aber das änderte sich ab 1 Uhr rasant!
Ich bin sehr auf die genauen Besucherzahlen von Christoph gespannt. Wie ich hörte haben sich aber alleine über 1000 Leute in den Livestream eingeschaltet, was eine prima Werbung für die kommenden Veranstaltungen ist. Fazit
Christoph ist da etwas besonderes gelungen. Er hat eine neue Veranstaltungsreihe aus dem Nichts in den Fokus gebracht, eine Zielgruppe mit Social Marketing vorbildlich aktiviert und zum Besuch bewegt, an einem Abend 2 unterschiedliche Veranstaltungen sinnvoll und gegenseitig fördernd organisiert und mit dem Livestream auch die neugierig gemacht, die noch nicht kommen konnten/wollten. Er hat damit sehr geradlinig den Weg, den wir 2008 mit den Duisburger Philharmonikern betraten, weitergeführt und nachhaltig ausgebaut. Mein Kompliment! Daher war es bei diesem geschlossenen Konzept, dieser qualitativen Aufstellung und Vernetzung für mich auch keine Frage, dass ich Sponsor dieses Social-Web-Event werde.
Ich habe heute schon einen erfreuten Blick auf verschiedene meiner Accounts geworfen und auch die Zugriffzahlen auf meine Website www.franktentler.com sind enorm angestiegen. Ich glaube nicht, dass Christoph mir den gleichen Effekt mit altgedienten Flyern hätte bieten können und werde aufmerksam beobachten, wie sich das weiter entwickelt.
Es steht ausser Frage für mich, dass im Social Marketing und im Branding von Content ein grosses Potential steckt- Für Sponsoren wie für Veranstalter!
Social Marketing ist nicht mehr eine Erweiterung, sondern ein an Wichtigkeit gewinnender Ausbau, wenn nicht sogar eine nachhaltige und günstigere Alternativ zum klassischen Marketing. Es wird Zeit, dass hier ein radikales Umdenken einsetzt und der Web-Content von Kunst- und Kulturbetrieben als das erkannt wird, was er für Unternehmen ist: Hochwertige Werbung, auf die man Stolz sein kann und mit optimaler Zielgruppenansprache.